Preise kalkulieren: Was deine Behandlung kosten muss
21. August 2026 · 9 Min. Lesezeit · Von Daniel Renner und Tim Schneider
Warum der Blick zur Kollegin die teuerste Kalkulationsmethode ist, wie viele Stunden du wirklich abrechnen kannst und was die Anfahrt kosten muss.
Mit KI erstelltes BildDie meisten Praxen entstehen aus einer Leidenschaft für Tiere — und legen ihre Preise fest, indem sie schauen, was die Kollegin im Nachbarort nimmt. Das ist verständlich und trotzdem riskant: Du übernimmst damit fremde Kosten, fremde Auslastung und fremde Ansprüche. Wer nach zwei Jahren merkt, dass am Monatsende nichts übrig bleibt, hat selten zu wenig gearbeitet — sondern zu günstig.
Dieser Artikel rechnet den Weg einmal von unten durch: Was muss deine Praxis verdienen, was bedeutet das pro Behandlung, und wo liegen die Fallstricke bei Anfahrt, Paketen und Preiserhöhungen.
Vorweg: Die GOT gilt für dich nicht
Ein Missverständnis, das sich hartnäckig hält: Die Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) regelt die Honorare tierärztlicher Leistungen. Behandelst du als Tierphysiotherapeut:in ohne tierärztliche Approbation, fällst du nicht darunter. Es gibt für dich keine vorgeschriebenen Sätze, keinen Gebührenrahmen und keine Steigerungsfaktoren — du vereinbarst deinen Preis frei mit der Kundschaft.
Das ist Freiheit und Verantwortung zugleich. Freiheit, weil du deine Spezialisierung und Erfahrung einpreisen darfst. Verantwortung, weil dir niemand die Kalkulation abnimmt. Bist du selbst Tierärztin oder Tierarzt und behandelst physiotherapeutisch, sieht die Lage anders aus — dann bindet dich die GOT.
Schritt 1: Was du wirklich verdienen musst
Fang nicht beim Behandlungspreis an, sondern bei deinem Jahresbedarf. Rechne zusammen, was die Praxis erwirtschaften muss, bevor du auch nur einen Euro privat entnimmst:
- Dein Lebensunterhalt — was du netto zum Leben brauchst, hochgerechnet auf zwölf Monate.
- Steuern und Sozialversicherung — Einkommensteuer, Kranken- und Pflegeversicherung, Altersvorsorge. Als Faustzahl gehen hier schnell 30–40 % deines Gewinns weg — die Obergrenze gilt inklusive einer ernst gemeinten Altersvorsorge.
- Betriebliche Fixkosten — Miete oder Raumanteil, Fahrzeug, Versicherungen (vor allem Berufshaftpflicht), Software, Telefon, Steuerbüro, Fortbildungen, Verbrauchsmaterial.
- Investitionsrücklage — Geräte, Auto, Ausstattung nutzen sich ab und wollen irgendwann ersetzt werden.
- Puffer für Ausfall — Krankheit, Urlaub, Flaute. Als Selbstständige bezahlt dir das niemand.
Schritt 2: Die Stunden, die du wirklich abrechnen kannst
Hier passiert der teuerste Denkfehler. Eine 40-Stunden-Woche bedeutet nicht 40 abrechenbare Stunden. Zwischen den Behandlungen liegen Fahrzeit, Dokumentation, Terminplanung, Rechnungsstellung, Telefonate, Fortbildung und Buchhaltung — Arbeit, die niemand bezahlt, die aber getan werden muss.
Realistisch sind bei einer Vollzeitpraxis etwa 20 bis 25 abrechenbare Stunden pro Woche. Wer viele Hausbesuche fährt, liegt eher darunter, weil die Fahrzeit zwischen zwei Ställen schnell so lang wird wie die Behandlung selbst. Rechne außerdem mit rund 45 Arbeitswochen im Jahr, nicht mit 52.
Das ergibt 900 bis 1.125 abrechenbare Stunden im Jahr. Teile deinen Jahresbedarf aus Schritt 1 durch diese Zahl — und du hast den Stundensatz, den du tatsächlich brauchst. Er liegt fast immer deutlich höher, als die erste Intuition vermuten lässt.
Schritt 3: Vom Stundensatz zum Behandlungspreis
Jetzt übersetzt du den Stundensatz in Preise pro Leistung. Eine Einzelbehandlung dauert typischerweise 45 bis 60 Minuten inklusive Anamnese, Behandlung und Beratung der Halter:innen. In Deutschland bewegen sich Einzelbehandlungen häufig im Bereich von 50 bis 80 Euro, Hausbesuche zuzüglich Anfahrt — mit deutlichen regionalen Unterschieden und Aufschlägen für Spezialisierungen wie Pferdephysiotherapie oder Rehabilitation nach Operationen.
Nutze diese Spanne als Plausibilitätsprüfung, nicht als Vorgabe: Liegt dein errechneter Bedarf weit darüber, stimmt etwas an der Kalkulation — oder du brauchst mehr Auslastung. Liegt er weit darunter, verschenkst du Geld.
Was in der Preisliste stehen sollte
- Erstbefund — dauert länger als eine Folgebehandlung (Anamnese, Ganganalyse, Behandlungsplan) und darf deshalb mehr kosten.
- Folgebehandlung — dein Standardpreis, an dem sich alles andere orientiert.
- Anfahrt — entweder als Pauschale je Zone oder als Kilometersatz. Auf keinen Fall verschenken.
- Aufschläge — Wochenende, Abend, Notfalltermine, größere Tiere mit höherem Aufwand.
- Ausfallhonorar — was passiert, wenn ein Termin kurzfristig platzt.
Die Anfahrt: der häufigste Verlustposten
Bei Hausbesuchen entscheidet die Anfahrt darüber, ob ein Termin sich lohnt. Eine Behandlung für 65 Euro, zu der du 40 Minuten hin und 40 Minuten zurück fährst, ist keine 65-Euro-Stunde, sondern eine 65-Euro-Zweistunde — plus Sprit und Fahrzeugverschleiß.
Zwei Modelle haben sich bewährt: Zonenpauschalen (etwa bis 10 km, bis 25 km, darüber auf Anfrage) sind für Kund:innen leicht verständlich und für dich schnell abzurechnen. Kilometersätze bilden die Realität genauer ab, wirken aber kleinteiliger. Was du auch wählst: Es gehört sichtbar in die Preisliste, nicht erst auf die Rechnung.
Wo sonst noch Kapazität verloren geht, steht im Artikel Terminauslastung. Der stärkste Hebel ist ohnehin die Routenplanung. Wer Termine in derselben Gegend auf denselben Tag legt, verwandelt Leerfahrten in Behandlungszeit — und das schlägt jede Preiserhöhung. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt die Seite Unterwegs & offline. In der Pferdephysiotherapie ist dieser Punkt noch entscheidender: Dort ist die Anfahrt der größte Kostenblock überhaupt.
Pakete und Rabatte — mit Vorsicht
Zehnerkarten und Behandlungspakete sind beliebt, weil sie Bindung schaffen und die Planung erleichtern. Sie haben aber zwei Tücken. Erstens: Ein Rabatt von 10 % auf den Behandlungspreis ist kein Rabatt von 10 % auf deinen Gewinn — deine Kosten pro Termin bleiben gleich, der Nachlass geht vollständig vom Überschuss ab. Zweitens: Im Voraus bezahlte Pakete sind Geld, das du noch abarbeiten musst. Es fühlt sich auf dem Konto besser an, als es ist.
Wenn du Pakete anbietest, dann mit klarer Gültigkeitsdauer und schriftlich festgehalten — auch, damit die steuerliche Zuordnung sauber bleibt. Was auf eine korrekte Rechnung gehört, steht im Artikel Rechnung schreiben als Tierphysiotherapeut:in.
Preise erhöhen, ohne Kundschaft zu verlieren
- 01
Frühzeitig ankündigen
Vier bis acht Wochen Vorlauf, schriftlich und freundlich. Überraschungen auf der Rechnung verärgern mehr als der Preis selbst.
- 02
Begründen, ohne dich zu rechtfertigen
Gestiegene Kosten, neue Qualifikation, bessere Ausstattung — ein Satz reicht. Lange Erklärungen wirken unsicher.
- 03
In sinnvollen Schritten
Lieber alle ein bis zwei Jahre moderat anpassen als nach fünf Jahren um dreißig Prozent springen.
- 04
Laufende Pakete respektieren
Bereits gekaufte Zehnerkarten zum alten Preis zu Ende laufen lassen — das kostet wenig und schafft Vertrauen.
Die Erfahrung vieler Praxen: Der befürchtete Kundenschwund bleibt meistens aus. Wer mit deiner Arbeit zufrieden ist und sieht, dass es dem Tier besser geht, wechselt selten wegen fünf Euro.
Umsatzsteuer nicht vergessen
Ob auf deine Preise noch Umsatzsteuer aufgeschlagen wird, hängt davon ab, ob du die Kleinunternehmerregelung nutzt. Wichtig für die Kalkulation: Wächst du aus der Regelung heraus, werden deine Leistungen für Privatkund:innen faktisch teurer — es sei denn, du senkst deinen Nettopreis und verdienst weniger. Diesen Sprung solltest du kommen sehen, bevor er passiert. Die Details stehen im Artikel Kleinunternehmerregelung in der Tierphysiotherapie.
