Anamnese in der Tierphysiotherapie: Was in den Bogen gehört
15. August 2026 · 8 Min. Lesezeit · Von Daniel Renner und Tim Schneider
Die Fragen, die vor der ersten Behandlung beantwortet sein müssen — als strukturierte Checkliste für Hund, Katze und Pferd.
Mit KI erstelltes BildDie Anamnese ist der Teil der Erstbehandlung, der über alle weiteren Termine entscheidet — und gleichzeitig der Teil, der unter Zeitdruck am schnellsten schrumpft. Ein guter Anamnesebogen löst das: Er stellt sicher, dass du nichts vergisst, auch wenn nebenan ein nervöser Hund an der Leine zieht, und er macht deine Befunde vergleichbar — zwischen Terminen, zwischen Tieren und, wenn ihr im Team arbeitet, zwischen Behandler:innen.
Dieser Artikel geht durch, was in den Bogen gehört, in welcher Reihenfolge sich die Fragen bewährt haben und wo die Unterschiede zwischen Hund, Katze und Pferd liegen. Am Ende steht die vollständige Checkliste zum Übernehmen.
Der Aufbau: vom Allgemeinen zum Problem
Bewährt hat sich ein Trichter: erst die Fakten, die sich nicht ändern (Tier, Halter:in, Vorgeschichte), dann der Alltag des Tieres, zuletzt das aktuelle Problem und deine eigenen Befunde. So entsteht das Gesamtbild, bevor du auf die Symptomatik zoomst — und du erwischst die Fälle, in denen die eigentliche Ursache woanders liegt als das gemeldete Problem.
1. Stammdaten
- Halter:in mit Kontaktdaten und bevorzugtem Kontaktweg
- Tier: Name, Art, Rasse, Geburtsdatum, Geschlecht (kastriert?), Gewicht
- Haltung und Nutzung: Familienhund, Sportpferd, Freigängerkatze — die Nutzung bestimmt das Behandlungsziel
- Betreuende Tierarztpraxis
2. Vorbericht
- Vorerkrankungen, Operationen und Verletzungen mit Zeitpunkt
- Aktuelle Medikamente und Dauermedikation (wichtig für Belastbarkeit und Schmerzwahrnehmung)
- Vorliegende tierärztliche Befunde: Röntgen, CT, Blutbild — mit Datum und Quelle
- Frühere Physiotherapie: Was wurde gemacht, was hat geholfen, was nicht?
- Allergien und Unverträglichkeiten
3. Alltag und Verhalten
- Bewegung: Dauer, Art und Intensität — Spaziergänge, Training, Turniere, Weidegang
- Umgebung: Treppen, glatte Böden, Autoeinstieg, Aufstallung
- Fütterung und Gewichtsverlauf
- Verhaltensänderungen: Spielt weniger, springt nicht mehr aufs Sofa, steigt schwer auf — oft die ehrlichsten Symptome
4. Das aktuelle Problem
- Was ist der Anlass des Besuchs, aus Sicht der Halterin oder des Halters?
- Seit wann, wie entstanden (schleichend oder akut), was verschlimmert, was verbessert?
- Schmerzzeichen: Lahmheit, Schonhaltung, Berührungsempfindlichkeit, Leistungsabfall
- Bisherige Maßnahmen: Schonung, Medikamente, Hausmittel
- Das Ziel der Halter:in — „wieder schmerzfrei Treppen steigen“ ist ein anderes Behandlungsziel als „zurück auf den Turnierplatz“
5. Deine eigenen Befunde
Nach dem Gespräch kommt die Untersuchung — und ihre Ergebnisse gehören in denselben Bogen: Allgemeineindruck, Gangbildanalyse (Schritt und Trab, enge Wendungen, Übergänge), Palpation (Muskulatur, Wärme, Schwellungen, Schmerzpunkte), aktive und passive Beweglichkeit der Gelenke mit Seitenvergleich. Notiere konkret und messbar: „Ellbogen links, Flexion endgradig schmerzhaft“ lässt sich beim Folgetermin überprüfen — „bewegt sich schlecht“ nicht.
Die Unterschiede nach Tierart
Der Grundbogen bleibt gleich, drei Blöcke unterscheiden sich: Beim Hund gehören Sport und Auslastung (Agility, Zughundesport), Treppen und Bodenbeläge sowie rassetypische Prädispositionen wie Hüft- oder Ellbogendysplasie hinein. Bei der Katze ersetzt Beobachtung vieles, was der Hund zeigt: Springt sie noch auf erhöhte Liegeplätze? Putzt sie sich überall? Nutzt sie die Kratzstellen wie früher? Beim Pferd kommen Sattel und Ausrüstung, Beschlag/Barhuf mit Bearbeitungsintervall, Reitweise und Trainingsstand dazu — und die Frage, wann zuletzt Zähne und Sattel geprüft wurden, denn beides erzeugt zuverlässig Rückenprobleme.
Vom Bogen zum Behandlungsverlauf
Der Anamnesebogen ist kein Formular für den Ordner — er ist der Nullpunkt, an dem du jeden Fortschritt misst. Deshalb lohnt es sich, Schmerz, Beweglichkeit und Gangbild nicht als Freitext, sondern als wiederholbare Werte zu erfassen: Dieselbe Skala beim Ersttermin und bei jeder Folgebehandlung ergibt einen Verlauf, den du der Halterin zeigen kannst. Genau an dieser Stelle spielt digitale Dokumentation ihre Stärke aus: In der Curavia-Patientenakte wird aus Erstbefund und Behandlungen automatisch ein Verlauf, Befunde lassen sich punktgenau auf der 3D-Körperkarte markieren, und der Bogen ist auch im Stall ohne Empfang ausfüllbar — mit Fotos und Sprachnotiz direkt am Tier.
Dazu kommt der nüchterne Grund: Deine Dokumentation ist auch deine Absicherung. Wenn eine Behandlung anders verläuft als erhofft, belegt eine vollständige Anamnese samt dokumentiertem Einverständnis, dass du sorgfältig gearbeitet hast — Papierzettel in Klarsichthüllen tun das nur, solange sie auffindbar sind. Und für die Abrechnung gilt dasselbe wie überall: dokumentierte Leistung, korrekte Rechnung, sauberer Beleg.
Die komplette Checkliste
- Halter:in: Name, Adresse, Telefon/E-Mail, bevorzugter Kontaktweg
- Tier: Name, Art, Rasse, Geburtsdatum, Geschlecht/Kastration, Gewicht
- Haltung & Nutzung: Wohnung/Haus/Stall, Familientier/Sport/Zucht
- Betreuende Tierarztpraxis + Einverständnis zum Austausch
- Vorerkrankungen, OPs, Verletzungen (mit Zeitpunkt)
- Aktuelle Medikamente & Dauermedikation
- Tierärztliche Befunde (Röntgen/CT/Labor) mit Datum
- Frühere Physiotherapie & deren Wirkung
- Bewegung & Training: Art, Dauer, Intensität, Leistungsniveau
- Umgebung: Treppen, Böden, Autoeinstieg, Aufstallung, Ausrüstung/Sattel
- Fütterung & Gewichtsverlauf
- Aktuelles Problem: Anlass, Beginn, Verlauf, Verschlimmerung/Besserung
- Schmerzzeichen & Verhaltensänderungen
- Ziel der Halter:in (konkret formuliert)
- Eigene Befunde: Gangbild, Palpation, Beweglichkeit im Seitenvergleich
- Schmerz-/Beweglichkeitswerte auf fester Skala (für den Verlauf)
- Einverständniserklärung & Hinweis auf tierärztliche Abklärung, falls nötig
